Sowohl die Sprache als auch die Schrift haben eine lange Tradition in der Heilkunst:
Es gibt magische Formeln, Wahrsagungen, Trostsprüche, Loblieder und die Besprechung von Wunden. Die heilende Wirkung von gestalteter Sprache ist seit der Antike bekannt. Apoll, Vater des Asklepios, ist der Gott der Heilkunst, zugleich aber auch Gott der schönen Künste, der Poesie. In den Heil- und Gesundheitszentren des Asklepios waren alle Künste vertreten: im Odeon die Musik, im Theatron die Sprache und das dramatische Handeln.
Die antiken Zeugnisse sind vielfältig und verweisen auf zwei Formen der Praxis: das rezeptive Hören oder Lesen heilsamer Worte, aus dem biblos, aus dem Buch, und das aktiv-produktive Gestalten mit Worten, die poiesis – was zugleich die selbstwirksame Möglichkeit darstellt, sein Leben und sich selbst zu gestalten.
Seit dem 19. Jahrhundert haben sich daraus zwei Anwendungsmöglichkeiten herausgebildet: die rezeptiven Heilwirkungen durch Lektüren – das heißt durch Bibliotherapie – und die aktiv-produktiven durch eigene Textgestaltung, also durch Poesietherapie.
